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Physiotherapie 9. Juni 2026 15 Min Lesezeit

ICF in der Physiotherapie: Praxis-Beispiele und Befund-Aufbau

Kurzantwort
Die ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health) ist eine Klassifikation der WHO und gliedert Gesundheit in vier Komponenten: Körperfunktionen und -strukturen, Aktivitäten und Partizipation (Teilhabe) sowie Kontextfaktoren (Umwelt- und personenbezogene Faktoren). In der Physiotherapie dient sie als Befund-Gerüst: Sie übersetzt eine Diagnose in alltagsrelevante Einschränkungen und macht Therapieziele nachvollziehbar. Seit der Blankoverordnung (1. November 2024, Diagnosegruppe EX/Schulter) wird die physiotherapeutische Diagnostik erstmals vergütet. Strukturierte ICF-Befunde sind damit von der Kür zur dokumentationsrelevanten Pflicht geworden. Eine KI-gestützte Dokumentation kann freie Notizen ins ICF-Schema überführen und Therapieziele vorschlagen, während die fachliche Entscheidung bei Ihnen bleibt.

Donnerstag, 8:15 Uhr, Erstbefund in einer mittelgroßen Physiotherapie-Praxis. Vor Ihnen sitzt ein Patient nach Schulter-Operation. Die Diagnose liegt vor, die Verordnung stammt aus der Diagnosegruppe EX. Sie tasten die Schulter ab, prüfen die Beweglichkeit, hören zu. Der Patient sagt einen Satz, der für die ganze Behandlung mehr zählt als jeder Goniometer-Wert: „Ich kann mir morgens die Jacke nicht mehr alleine anziehen, und als Maler komme ich über Kopf an keine Wand mehr.“

Genau das ist der Moment, in dem die ICF ihren Wert zeigt. Die eingeschränkte Abduktion ist eine Körperfunktion. Die Jacke anziehen ist eine Aktivität. Der Beruf als Maler ist Teilhabe. Und ob im Haushalt jemand hilft oder ob der Arbeitgeber Druck macht, sind Kontextfaktoren. Die ICF ordnet diese Beobachtungen in ein Schema, das sich leicht einprägt und das Ihren Befund von der reinen Symptombeschreibung zu einer alltagsbezogenen, nachvollziehbaren Grundlage für die Behandlungsplanung macht.

Dieser Beitrag zeigt, wie Sie die vier ICF-Komponenten Schritt für Schritt in den physiotherapeutischen Befund übertragen, dekliniert das Schema an drei alltagsnahen Beispielen durch und ordnet ein, warum strukturierte ICF-Befunde seit der Blankoverordnung auch wirtschaftlich relevant geworden sind. Am Ende sehen Sie, an welcher Stelle eine KI-gestützte Dokumentation Ihr Praxisteam entlasten kann, ohne dass die fachliche Therapie-Entscheidung aus der Hand gegeben wird.

Was Sie mitnehmen

  • Wie die vier ICF-Komponenten den physiotherapeutischen Befund strukturieren, mit je einem Praxis-Beispiel pro Komponente
  • Drei vollständig im ICF-Schema durchdeklinierte Fälle: Schulter nach OP, Gangunsicherheit im Alter, chronischer Rückenschmerz
  • Den Weg vom Erstbefund über die ICF-Dokumentation zu SMART-formulierten Therapiezielen
  • Warum die Blankoverordnung (seit 1. November 2024) die ICF-Befundung erstmals vergütbar macht
  • An welcher Stelle eine KI-gestützte Dokumentation Schreibarbeit abnimmt, bei voller therapeutischer Kontrolle

Was ist die ICF, und warum ist sie für die Befundung so nützlich?

Die ICF ist die International Classification of Functioning, Disability and Health der Weltgesundheitsorganisation. Sie klassifiziert die Komponenten von Gesundheit: Körperfunktionen, Körperstrukturen, Aktivitäten und Partizipation (Teilhabe) sowie Umweltfaktoren. Dabei berücksichtigt sie ausdrücklich die Wechselwirkungen zwischen diesen Komponenten. Die deutschsprachige Fassung wurde 2005 vom DIMDI herausgegeben; seit Mai 2020 ist das DIMDI ins BfArM (vormals DIMDI) eingegliedert, das die ICF heute pflegt.

Vier ineinandergreifende Puzzleteile in sanften Farben auf hellem Tisch

Der entscheidende Perspektivwechsel: Eine medizinische Diagnose nach ICD-10 sagt, was der Patientin oder dem Patienten fehlt. Die ICF beschreibt, was das im Alltag bedeutet. Sie bewertet die bio-psycho-sozialen Aspekte von Krankheitsfolgen und dient damit zur Vertiefung physiotherapeutischer Befunde. Heilmittelerbringer nutzen ICF-Kriterien, um die aus einer Erkrankung resultierenden individuellen Einschränkungen zu beurteilen. So beschreibt es die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR).

Für die Praxis heißt das: Zwei Patientinnen mit identischer Diagnose können völlig unterschiedliche Therapieziele haben. Die eine will wieder Gartenarbeit machen, die andere ihren Enkel auf den Arm nehmen. Die ICF macht diesen Unterschied im Befund sichtbar, und genau das ist die Grundlage für eine individuelle, nachvollziehbar dokumentierte Behandlungsplanung.

2005
Erscheinungsjahr der deutschsprachigen ICF-Fassung (herausgegeben vom DIMDI, heute BfArM). Quelle: BfArM

Wie sind die vier ICF-Komponenten im Befund aufgebaut?

Physio Deutschland (ZVK) beschreibt die ICF als systematisches Framework für die physiotherapeutische Diagnostik und Befundung. Die Komponenten Körperfunktionen und -strukturen, Aktivität und Partizipation, Umweltfaktoren sowie personenbezogene Faktoren bilden ein leicht einzuprägendes Schema, das die strukturierte Dokumentation von der Anamnese über spezifische Assessments bis zur Therapieplanung ermöglicht. Therapeut:innen erheben beim ersten Termin den Erstbefund, von dem die Behandlungsplanung abgeleitet wird (siehe Physio Deutschland / ZVK).

Vier kleine Holzblöcke im Quadrat auf sonnigem Schreibtisch, minimal

Gehen wir die vier Bausteine am durchgehenden Beispiel des Schulter-Patienten aus dem Eingang durch:

1. Körperfunktionen und Körperstrukturen. Das, was Sie direkt messen und tasten. Bei der Schulter-OP: die eingeschränkte aktive Abduktion (z. B. nur bis 80°), Kraftdefizit der Rotatorenmanschette, eine OP-Narbe, vielleicht ein Bewegungsschmerz ab einem bestimmten Winkel. Hier liegen die klassischen Assessments: Goniometrie, Kraftgrade, Schmerzskala.

2. Aktivitäten. Was die Person im Alltag konkret tun kann oder nicht kann. Die Jacke anziehen, sich kämmen, einen Gegenstand aus dem Hängeschrank holen, beim Anziehen den Arm hinter den Rücken führen. Eine Aktivitätseinschränkung ist nicht dasselbe wie ein Funktionsdefizit. Manche Patient:innen kompensieren erstaunlich gut, andere sind trotz moderater Funktionseinschränkung im Alltag stark limitiert.

3. Partizipation (Teilhabe). Die Einbindung in Lebensbereiche, die der Person wichtig sind: Beruf, soziale Rollen, Hobbys. Beim Maler: Über-Kopf-Arbeiten an der Wand. Bei einer Großmutter: das Enkelkind hochheben. Teilhabe ist die Ebene, auf der Patient:innen ihr eigentliches Ziel formulieren, und damit ist sie der Anker für die Zielvereinbarung.

4. Kontextfaktoren: Umwelt und personenbezogene Faktoren. Alles, was fördert oder bremst. Umweltfaktoren: ein Treppenhaus ohne Aufzug, ein unterstützender Arbeitgeber, hilfsbereite Angehörige, vorhandene Hilfsmittel. Personenbezogene Faktoren: Alter, Motivation, frühere Sporterfahrung, Krankheitsverständnis. Diese Faktoren entscheiden oft mehr über den Therapieerfolg als der reine Befund, und gehören deshalb dokumentiert.

1

Körperfunktion/-struktur

Abduktion nur bis 80°, Kraftdefizit Rotatorenmanschette, OP-Narbe: das, was Sie messen und tasten.

2

Aktivität

Jacke anziehen, kämmen, Gegenstand aus dem Hängeschrank holen: was die Person im Alltag tun kann oder nicht.

3

Teilhabe

Über-Kopf-Arbeiten als Maler, Rückkehr in den Beruf: der Lebensbereich, der der Person wichtig ist.

4

Kontextfaktoren

Umwelt (Arbeitgeber, Angehörige, Hilfsmittel) + personenbezogen (Alter, Motivation): was fördert, was bremst.

Wie sieht die ICF-Befundung an drei konkreten Fällen aus?

Die folgenden drei Fälle sind typisierte Praxiskonstellationen, also keine echten Patient:innen, sondern Modellsituationen, an denen sich die ICF-Logik 1:1 nachvollziehen lässt. Übertragen Sie das Schema auf Ihre eigenen Befunde.

Physiotherapeut führt Patienten durch eine sanfte Schulterübung im hellen Raum

Fall 1: Schulter nach OP (Diagnosegruppe EX)

Ausgangslage: Patient, Mitte 50, Maler, sechs Wochen nach Rotatorenmanschetten-Rekonstruktion. Verordnung über die Blankoverordnung in der Diagnosegruppe EX.

Körperfunktion/-struktur: Aktive Abduktion bis 80°, passiv bis 110°, Kraftdefizit Außenrotation, reizlose Narbe, Bewegungsschmerz ab 90°. Aktivität: Jacke anziehen nur mit Mühe, Haare kämmen schmerzhaft, Überkopf-Greifen nicht möglich. Teilhabe: Berufsausübung als Maler (Überkopf-Arbeit) aktuell nicht möglich, Wiedereinstieg ist das erklärte Ziel. Kontextfaktoren: Arbeitgeber signalisiert geduldige Wiedereingliederung (fördernd), keine Hilfe im Haushalt (hemmend), Patient ist hoch motiviert und sportlich vorbelastet (fördernd).

Fall 2: Gangunsicherheit im Alter

Ausgangslage: Patientin, 78, lebt allein im zweiten Stock ohne Aufzug, nach Sturz mit Prellung, zunehmende Gangunsicherheit und Sturzangst.

Körperfunktion/-struktur: reduzierte Kraft der unteren Extremität, eingeschränktes Gleichgewicht (auffälliger Stand- und Gleichgewichtstest), verminderte Gelenkbeweglichkeit Sprunggelenk. Aktivität: Treppensteigen nur am Geländer und langsam, längere Gehstrecken nur mit Pause, Aufstehen vom Stuhl erschwert. Teilhabe: selbstständiges Einkaufen und der wöchentliche Seniorentreff sind gefährdet. Der Wunsch, weiter eigenständig zu wohnen, steht im Zentrum. Kontextfaktoren: Treppenhaus ohne Aufzug und ohne zweiten Handlauf (hemmend), Tochter wohnt im selben Ort (fördernd), ausgeprägte Sturzangst (hemmend, personenbezogen).

Fall 3: Chronischer Rückenschmerz bei einer Pendlerin

Ausgangslage: Patientin, 41, Büro-Tätigkeit mit langem Arbeitsweg, seit Monaten wiederkehrende Schmerzen im unteren Rücken ohne klare strukturelle Ursache.

Körperfunktion/-struktur: endgradig eingeschränkte Rumpfbeweglichkeit, muskuläre Dysbalance, belastungsabhängiger Schmerz, kein neurologisches Defizit. Aktivität: langes Sitzen schmerzhaft, schweres Heben vermieden, Schlaf durch Schmerz zeitweise gestört. Teilhabe: volle Arbeitsfähigkeit am Schreibtisch und Freizeitsport (Laufen) sind die Ziele. Kontextfaktoren: langer Arbeitsweg mit viel Sitzen (hemmend), ergonomisch nicht optimaler Arbeitsplatz (hemmend), hohe Eigenmotivation und Bereitschaft zu Heimübungen (fördernd, personenbezogen).

Drei Fälle, drei völlig unterschiedliche Schwerpunkte, und doch dasselbe Schema. Beim Maler liegt der Hebel auf der Funktionsebene mit klarem Teilhabe-Ziel Beruf. Bei der älteren Patientin dominieren Kontextfaktoren (Wohnsituation, Sturzangst). Bei der Pendlerin sind es Aktivität und Umwelt (Sitzbelastung). Genau diese Differenzierung leistet die ICF, und sie macht den Befund für Folgetermine, Kolleg:innen und die Verordnungs-Dokumentation lesbar.

Wie kommt man vom Erstbefund zu konkreten Therapiezielen?

Der Befund ist kein Selbstzweck, er führt zur Zielvereinbarung. Der Erstbefund (Anamnese, Inspektion, spezifische Assessments) liefert die Datenbasis; die ICF-Struktur sortiert sie; aus der Teilhabe-Ebene leiten Sie das Hauptziel ab und brechen es auf der Aktivitäts- und Funktionsebene in messbare Etappenziele herunter. Bewährt hat sich die SMART-Logik: spezifisch, messbar, erreichbar, relevant, terminiert.

Hände skizzieren einen einfachen Zielpfeil auf Papier am sonnigen Tisch

Beim Maler aus Fall 1 könnte das so aussehen: Teilhabe-Ziel: Rückkehr zur Überkopf-Arbeit in zwölf Wochen. Aktivitäts-Ziel: in vier Wochen selbstständig die Jacke anziehen. Funktions-Ziel: aktive Abduktion in vier Wochen auf 110°. Jedes Etappenziel ist überprüfbar, und genau diese Überprüfbarkeit verlangt auch die Heilmittel-Richtlinie.

Die Heilmittel-Richtlinie des G-BA (Fassung vom 29.10.2024, in Kraft seit 01.01.2025) regelt die Verordnung von Heilmitteln. Therapiebedarf, Therapiefähigkeit, Therapieziele und Therapieprognose der Versicherten sind in Verbindung mit dem verordneten Heilmittel zu berücksichtigen; relevante Befundergebnisse sollen auf dem Verordnungsvordruck angegeben werden. Eine ICF-strukturierte Befundung liefert genau diese vier Größen in nachvollziehbarer Form.

Befund-Aufbau in vier Schritten

  • Anamnese: Beschwerdebild, Alltag, Beruf, Ziele in den Worten der Patientin erfassen
  • Inspektion und Assessments: Bewegungsausmaße, Kraft, Gleichgewicht, Schmerz objektivieren
  • ICF-Strukturierung: Befunde den vier Komponenten zuordnen, Wechselwirkungen notieren
  • Zielvereinbarung: SMART-Ziele auf Teilhabe-, Aktivitäts- und Funktionsebene ableiten

Warum macht die Blankoverordnung die ICF-Befundung vergütbar?

Lange galt die saubere ICF-Befundung als fachlich wünschenswert, aber wirtschaftlich nicht abgebildet. Das hat sich geändert. Seit dem 1. November 2024 ist die Blankoverordnung in der Physiotherapie möglich (Rechtsgrundlage Rahmenvertrag nach SGB V, Diagnosegruppe EX / Schultergelenk, rund 100 ICD-10-Indikationen). Die Ärztin oder der Arzt stellt weiterhin Diagnose und Indikation, macht aber keine Vorgaben mehr zu Heilmittel, Therapiefrequenz und Verordnungsmenge, das entscheiden die Physiotherapeut:innen.

Entscheidend für die Befund-Praxis: Erstmals werden zwei Diagnostikpositionen vergütet: die physiotherapeutische Diagnostik vor Therapiebeginn und die Bedarfsdiagnostik zur Überprüfung der Therapieziele. Damit ist der ICF-strukturierte Befund nicht länger unbezahlte Zusatzarbeit, sondern eine eigenständig vergütete Leistung. Wer die Verordnungsmenge selbst verantwortet, braucht ohnehin einen tragfähigen, dokumentierten Befund samt Therapiezielen, und genau den liefert die ICF.

Die Kehrseite: Diese saubere Dokumentation kostet Zeit, und Zeit ist in vielen Praxen knapp. Ende 2022 waren laut Statistischem Bundesamt (Destatis) rund 557.000 Personen in Praxen sonstiger medizinischer Berufe (darunter physio- und ergotherapeutische Praxen) beschäftigt, ein Plus von 13.000 bzw. 2,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr; insgesamt arbeiteten 6,0 Millionen Menschen im Gesundheitswesen. Das Berufsfeld wächst, arbeitet aber unter hohem Zeitdruck. Jede Minute, die in die Befund-Tipperei statt in die Behandlung fließt, ist spürbar.

557.000
Beschäftigte in Praxen sonstiger medizinischer Berufe (u. a. Physio-/Ergotherapie), Ende 2022, plus 2,4 % zum Vorjahr. Quelle: Destatis

Welche Komponente zeigt sich in welchem Fall? Die Übersicht

Die folgende Übersicht legt die drei Fälle nebeneinander und zeigt, wie sich derselbe ICF-Rahmen je nach Krankheitsbild mit unterschiedlichen Inhalten füllt. Die Tabelle eignet sich als Schablone für den eigenen Erstbefund.

ICF-Komponente Schulter nach OP (Maler) Gangunsicherheit (78 J.) Rückenschmerz (Pendlerin)
Körperfunktion/-struktur Abduktion 80°, Kraftdefizit RM, Narbe Kraft- und Gleichgewichtsdefizit untere Extremität Rumpf-Beweglichkeit eingeschränkt, Dysbalance
Aktivität Jacke anziehen, kämmen, Überkopf-Greifen Treppensteigen, längere Gehstrecken, Aufstehen Langes Sitzen, schweres Heben, Schlaf
Teilhabe Beruf als Maler (Überkopf-Arbeit) Selbstständiges Einkaufen, Seniorentreff Volle Arbeitsfähigkeit, Freizeitsport
Umweltfaktoren Geduldiger Arbeitgeber (+), keine Haushaltshilfe (−) Treppenhaus ohne Aufzug (−), Tochter vor Ort (+) Langer Arbeitsweg (−), Ergonomie suboptimal (−)
Personenbezogen Hohe Motivation, sportlich (+) Ausgeprägte Sturzangst (−) Hohe Eigenmotivation, Heimübungen (+)

Was die Übersicht deutlich macht: Die Therapieziele unterscheiden sich nicht, weil die Diagnosen exotisch wären, sondern weil Teilhabe und Kontext bei jeder Person anders aussehen. Die ICF zwingt Sie, diese Ebenen zu erheben, und verhindert damit den Fehler, eine OP-Schulter wie die nächste zu behandeln.

Wie kann KI bei der ICF-Dokumentation entlasten, ohne die Therapie zu übernehmen?

Hier setzt eine KI-gestützte Dokumentation an. Stellen Sie sich vor, Sie diktieren nach dem Erstbefund frei in die Praxissoftware: „Schulter sechs Wochen post-OP, Abduktion bis 80 Grad, Patient kann sich die Jacke nicht anziehen, ist Maler, will zurück über Kopf, Arbeitgeber unterstützt, keine Hilfe zu Hause.“ Ein KI-Doku-Assistent wie FLOW Doc kann solche freien Notizen automatisch in die ICF-Struktur überführen, die Aussagen den vier Komponenten zuordnen und auf dieser Basis Therapieziel-Vorschläge formulieren, vorbereitet für die spätere elektronische Heilmittelverordnung (eVO) und die TI-fähige Dokumentation.

Der Effekt ist eine reine Zeitersparnis bei der Schreibarbeit. Wo das saubere Ausformulieren eines ICF-Befunds erfahrungsgemäß mehrere Minuten frisst, kann die Spracheingabe mit anschließender Struktur-Übernahme den manuellen Tippaufwand deutlich reduzieren. Die konkrete Ersparnis hängt vom Befundtyp, der Diktier-Routine und der Praxissoftware ab. Pauschale Garantien gibt es nicht.

Zwei Abgrenzungen sind entscheidend und werden bei FLOW Doc konsequent eingehalten. Erstens: Die KI strukturiert und schlägt vor, sie entscheidet nicht. Welche Therapie indiziert ist, welche Ziele realistisch sind und welche Verordnungsmenge angemessen ist, bestimmen ausschließlich Sie. Der Mensch entscheidet, die KI strukturiert. Zweitens: Flowagenten ist kein Medizinprodukt im Sinne von MDR/MPDG. FLOW Doc automatisiert die Praxis-Administration und die Schreibarbeit rund um den Befund, nicht die fachliche Therapie-Entscheidung. Das Werkzeug entlastet Ihr Team, es ersetzt keine therapeutische Beurteilung.

Eingebettet ist FLOW Doc in den größeren Kontext der KI in der Physiotherapie-Praxis: von der Terminvergabe über die Rezept- und Folge-Anfrage bis zur Dokumentation. Wie sich Befunde und Berichte strukturiert aufbauen lassen, zeigt ergänzend unsere Vorlage für den Therapiebericht in der Physiotherapie. Das gleiche Entlastungs-Prinzip gilt branchenübergreifend, etwa bei der KI-Automatisierung in Arztpraxen.

Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt für strukturierte Befunde?

Die Befund-Dokumentation steht vor einem digitalen Umbruch. Die TI-Anbindungspflicht für Heilmittelerbringer (Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Podologie) wurde vom ursprünglichen 1. Januar 2026 auf den 1. Oktober 2027 verschoben (Beschluss vom 6. November 2025). Die elektronische Heilmittelverordnung (eVO) wird nach aktuellem Stand stufenweise verpflichtend. Die gematik verantwortet Aufbau und Standards der Telematikinfrastruktur; die Ausstattungs- und Betriebskosten der TI sind für Physiotherapeut:innen über die Kostenerstattung nach SGB V refinanziert. Die Details regelt die TI-Vereinbarung nach § 380 SGB V.

Was bedeutet das für die ICF? Maschinenlesbare, standardisierte Befunde werden in einer eVO-Welt nicht mehr Kür, sondern Voraussetzung. Wer heute beginnt, Befunde konsequent ICF-strukturiert zu erfassen, baut genau die Datenbasis auf, die eVO und TI später erwarten. Die Verschiebung auf Oktober 2027 ist dabei kein Grund zum Abwarten, sondern ein komfortables Zeitfenster, um Dokumentations-Routinen ohne Druck umzustellen.

Rechtlicher Rahmen kompakt

  • Blankoverordnung: seit 1. November 2024, Diagnosegruppe EX, Diagnostik erstmals vergütet
  • Heilmittel-Richtlinie G-BA: Therapiebedarf, -fähigkeit, -ziele, -prognose dokumentieren
  • TI-Anbindungspflicht: verschoben auf 1. Oktober 2027, Refinanzierung nach § 380 SGB V
  • eVO: elektronische Heilmittelverordnung, wird stufenweise verpflichtend

Was bringt das pro Quartal? Eine illustrative Modellrechnung

Die folgende Rechnung ist ein Beispiel mit frei gewählten Annahmen, kein gemessenes Ergebnis und keine Zusage. Sie soll lediglich eine Größenordnung greifbar machen.

Sanduhr und Taschenrechner auf sonnigem Holztisch

Rechenbeispiel: Befund-Schreibzeit pro Quartal

Annahme: Eine Praxis erstellt pro Woche rund 25 ausführliche ICF-Erstbefunde. Pro Befund veranschlagen wir beispielhaft 8 Minuten reine Schreib- und Strukturierungszeit am Rechner. Das ergibt 25 × 8 = 200 Minuten, also rund 3,3 Stunden Schreibarbeit pro Woche, allein für die Erstbefunde.

Mögliche Wirkung: Würde die Spracheingabe mit automatischer ICF-Strukturierung diese 8 Minuten beispielhaft auf rund 3 Minuten pro Befund senken, blieben 25 × 5 = 125 Minuten Ersparnis pro Woche, überschlägig rund 27 Stunden pro Quartal (13 Wochen). Diese Zeit fließt zurück in Behandlung, Patientengespräch oder Entlastung des Empfangsteams. Wichtig: Die tatsächliche Ersparnis hängt von Diktier-Routine, Befundtyp und Software ab. Die Zahlen sind illustrativ, kein Versprechen.

Glossar: Die wichtigsten Begriffe

ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health)
WHO-Klassifikation der Komponenten von Gesundheit. Strukturiert Befunde in Körperfunktionen/-strukturen, Aktivitäten, Partizipation und Kontextfaktoren.
Blankoverordnung
Verordnungsform (seit 1. November 2024, Diagnosegruppe EX), bei der Ärzt:innen Diagnose und Indikation stellen, Physiotherapeut:innen aber Heilmittel, Frequenz und Menge festlegen.
Diagnosegruppe EX
Indikationsgruppe der Heilmittel-Richtlinie für Erkrankungen der Extremitäten und des Beckens; erste Diagnosegruppe, für die die Blankoverordnung gilt (Schwerpunkt Schultergelenk).
Heilmittel-Richtlinie
Richtlinie des G-BA, die Verordnung und Rahmen der Heilmittel-Versorgung regelt, inklusive Therapiebedarf, -fähigkeit, -ziele und -prognose.
eVO (elektronische Heilmittelverordnung)
Digitale Form der Heilmittel-Verordnung über die Telematikinfrastruktur, die stufenweise verpflichtend wird.
TI (Telematikinfrastruktur)
Vernetzte digitale Infrastruktur im Gesundheitswesen; Anbindungspflicht für Heilmittelerbringer ab 1. Oktober 2027, verantwortet von der gematik.

Häufige Fragen zur ICF in der Physiotherapie

Was ist der Unterschied zwischen ICF und ICD-10?
Die ICD-10 klassifiziert Diagnosen, also was einer Person fehlt. Die ICF beschreibt die Funktionsfähigkeit und die Krankheitsfolgen im Alltag, also was die Diagnose konkret bedeutet für Körperfunktionen, Aktivitäten und Teilhabe. In der Physiotherapie ergänzen sich beide: Die ICD-10 liefert die Diagnose, die ICF strukturiert den Befund.
Muss ich in der Physiotherapie verpflichtend nach ICF dokumentieren?
Eine vollständige ICF-Kodierung ist im physiotherapeutischen Alltag nicht pauschal vorgeschrieben. Die Heilmittel-Richtlinie verlangt jedoch, Therapiebedarf, -fähigkeit, -ziele und -prognose zu berücksichtigen und relevante Befunde anzugeben. Die ICF ist ein gut geeignetes Schema, um diese Anforderungen strukturiert und nachvollziehbar zu erfüllen, besonders unter der Blankoverordnung.
Wie hängen Blankoverordnung und ICF-Befundung zusammen?
Bei der Blankoverordnung entscheiden Physiotherapeut:innen selbst über Heilmittel, Frequenz und Menge. Das setzt einen tragfähigen, dokumentierten Befund samt Therapiezielen voraus, wofür sich die ICF anbietet. Seit dem 1. November 2024 wird die physiotherapeutische Diagnostik zudem erstmals eigenständig vergütet, was die ICF-Befundung auch wirtschaftlich relevant macht.
Was gehört zu den Kontextfaktoren in der ICF?
Kontextfaktoren teilen sich in Umweltfaktoren (z. B. Wohnsituation, Arbeitgeber, Angehörige, Hilfsmittel) und personenbezogene Faktoren (z. B. Alter, Motivation, Krankheitsverständnis, frühere Sporterfahrung). Sie können den Therapieverlauf fördern oder hemmen und entscheiden oft stärker über den Erfolg als der reine Funktionsbefund.
Kann eine KI die ICF-Befundung übernehmen?
Nein, und das ist bewusst so. Ein KI-Doku-Assistent wie FLOW Doc kann freie Notizen ins ICF-Schema überführen und Therapieziele vorschlagen, also die Schreibarbeit entlasten. Die fachliche Beurteilung, also welche Therapie indiziert ist und welche Ziele realistisch sind, trifft ausschließlich die Therapeutin oder der Therapeut. Flowagenten ist kein Medizinprodukt und automatisiert nur die Praxis-Administration, nicht die Therapie-Entscheidung.
Ab wann gilt die TI-Pflicht für Physiotherapie-Praxen?
Die TI-Anbindungspflicht für Heilmittelerbringer wurde vom ursprünglichen 1. Januar 2026 auf den 1. Oktober 2027 verschoben (Beschluss vom 6. November 2025). Die elektronische Heilmittelverordnung (eVO) wird nach aktuellem Stand stufenweise verpflichtend. Die Kosten sind über § 380 SGB V refinanziert. Strukturierte ICF-Befunde bereiten den Umstieg vor.

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